Wer am Dienstag als Sieger aus der Präsidentschaftswahl hervor geht, traut sich ja schon niemand mehr zu vermuten – die üblichen Umfragen lassen mal den einen, mal den anderen vorne liegen. Meistens Bush, aber dann behauptet wieder jemand anders, dass die Telefonumfragen, die nur über Landlines durchgeführt werden, die vielen jungen, zu Kerry neigenden, Wähler nicht erreichen, die nur ein Handy benutzen, und darum sowieso alles Unsinn ist. Wir werden sehen…
Fest scheint aber jetzt schon zu stehen, dass die Wahl wie das Debakel vor vier Jahren ein juristisches Nachspiel haben wird. Kein Präsident der vergangenen Jahrzehnte hat es so geschafft, die Bevölkerung nicht nur zu spalten, sondern den beiden Gruppen auch ein paranoides Misstrauen gegen den politischen Gegner mitzugeben: Schon jetzt sind in den vorgeblichen „Swing States“ Gerichtsverfahren anhängig. Wegen Wahlbetrugs, Beeinflussung und Einschüchterung von Wählern, fehlerhaften Wahllisten und zu Unrecht aberkannten Wahlrechten.
Klingt unglaublich, aber scheinbar gibt es schon so einige Ungereimtheiten: 60000 Briefwahlunterlagen sind spurlos verschwunden. In Oregon hat eine den Republikanern nahestehende Firma Wahlregistrierungen von Demokraten vernichtet. über 16000 Amerikaner sind in mehreren Bundesstaaten registriert und können so mehrfach wählen. Die allerorten verwendeten elektronischen Stimmgeräte sind nachgewiesenerweise unsicher und leicht zu hacken (was einen Sprecher des Herstellers zu der Bemerkung veranlasst hat, das „sei schon in Ordnung, Wahlbetrug ist schließlich strafbar, deswegen macht das keiner!“). Wenn sie denn überhaupt funktionieren – Testläufe sind regelmäß schief gegangen, oder so langsam, dass Wähler mehr als 10 Minuten gebraucht haben, um eine Stimme abzugeben!
Deswegen rufen auch gleich mehrere Gruppen dazu auf, am Wahltag mit Videokameras vor dem Wahllokal aufzulaufen, um die Vorwürfe anschließend auch belegen zu können – alles in allem eher einer Bananenrepublik würdig als einem „Beacon of Democracy“. Deswegen sind ja auch OSZE-Beobachter im Land (^_^)
Man kann die Polarisierung natürlich auch positiv sehen. Rekordzahlen von (gerade jungen und bislang besonders wahlunlustigen) Amerikanern haben sich neu als Wähler registrieren lassen (und gehen damit immer das Risiko des „Jury Duty“ ein), mit einer hohen Wahlbeteiligung wird gerechnet (obwohl ‚hoch‘ hier relativ ist, verglichen mit unter 50 % vor vier Jahren), die Zahl der aktiven Helfer geht in die Millionen. Wir sind auf jeden Fall gespannt, und verbringen „Election Day“ vor dem Fernseher, zusammen mit amerikanischen Freunden, um das gleich ausdiskutieren zu können… und freuen uns schon auf die nächste, todlangweilige Bundestagswahl. Da weiß man, was man hat!