George Bush gewinnt ‚the popular vote‘ – und hat dank der hohen Wahlbeteiligung (gut 60 %) die meisten Stimmen bekommen, die je ein US-Präsident hatte.
Und warum haben die Amerikaner jetzt Bush gewählt? Erste Umfragen zeigen, dass es nicht der Krieg im Iraq, der ‚War on Terror‘ oder die Economy war – sondern für die meisten (22 % der Befragten) stattdessen „Moral Values“. Ist klar, ein geschiedener Kandidat geht schließlich gar nicht! Deswegen hatte W. vermutlich auch unter verheirateten Frauen große Unterstützung – 74 % dieser Gruppe haben für ihn gestimmt. Aber die traurigste Zahl: In der Gruppe der 18-24jährigen haben nicht einmal 10 % gewählt! Mussten wohl dringend „GTA: San Andreas“ spielen, da kann man natürlich nicht mal zwischendurch nach draußen gehen…

So kann es wohl kommen, wenn Naivität, Patriotismus, Religiosität und Konservativismus zusammen kommen – man kann den Amerikanern zu ihrem Präsidenten nur herzlich gartulieren und ihnen recht viel Vergnügen wünschen.
Hier einpaar Zitate von meinen Kollegen:
„I’m so depressed. At least you two get to live in a blue state. I have to live
in Virginia. I was so sure we’d win. Oh well, we must get on with our lives.“
„New blues lyrics: „You know I feel so blue in a state so red…“
@Gudrun: Es liegst mir fern, *die* Amerikaner abzustempeln, aber eben jene, die Bush gewählt haben. Über andere habe ich doch oben keine Aussage getroffen, oder? Und das muss doch erlaubt sein – Menschen für ihre Wahlentscheidung kritisiere, wenn man die für dumm und falsch hält. Aus eben den selben Gründen haben wir hier vor nicht allzu langer Zeit alle die NPD- und DVU-Wähler in Ostdeutschland kritisiert.
Grundsaetzlich hast du natuerlich recht, Markus, dass ich Wahlentscheidungen kritisieren darf (und auch sollte). Allerdings muss ich schon gestehen, dass ich viele Aussagen (einige von Kerry-Anhaengern hier in den USA, aber gerade auch aus dem Ausland), die Bush-Waehler als verblendete Vollidioten abstempeln, waehrend sie selber die einzigen sind, die George W. durchschaut haben, fuer weit ueberzogen halte. Das hat undemokratische Zuege…
Offenbar hat sich das ‚linke‘ Amerika, genau wie praktisch der gesamte Rest der Welt einfach ein falsches Bild der USA (soll heissen, des Wertesystems einer Mehrheit der Buerger) gemacht – die „New York Times“ fasste das gestern bereits so zusammen: „It is impossible to read the victory as anything other than a confirmation that this is a center-right country.“
Da stimme ich vollkommen zu – die USA sind mehrheitlich ein center-Right-Country. Und genau *das* ist es ja, was ich kritisiere. Wenn die Werte, auf die eine Mehrheit der Amerikaner ihre Wahlentscheidung begründen, zur Wahl von Bush führen, dann sind es genau diese Werte und genau diese Wähler, die ich kritisiere.
Und ich sehe wirklich nicht, wieso das undemokratischs ein soll. Kritik ist in Demokratien ausdrücklich erlaubt. Und sollte es auch unter Demokratien sein. Nicht erlaubt sein sollten hingegen betrügerische Machenschaften, wie z.B. das Führen von kriegen mit erstunkenen und erlogenen Gründen, oder das beeinflussen von Wahlen durch bedrohen oder misinformieren von Wählern. Und all diese Dinge sind von der Bush-regierung bzw. von einigen vielleicht etwas übereifrigen Republikanern getan worden.
Die New York Times hat aber – ungeachtet dessen – natürlich Recht. Die Amerikaner haben ihren Präsidenten gewählt, und das haben sie und wir alle zu akzeptieren. Ich habe auch nie etwas anderes behauptet. Aber deshalb muss ich diese Entscheidung noch lange nicht gut und richtig finden.
@Markus: Das Recht auf Kritik gilt auch für die Kritiker der Kritik. 😉
Wie ich oben schon sagte, mir wäre ein anderer Ausgang der Wahl auch lieber gewesen und ich bin froh, dass in diesem Forum immer wieder kritisiert wird. Mir ist nur die Art und Weise wie Deutschland sich im Moment als moralisch überlegen gebärdet suspekt. Das ist in den Medien im Moment echt heftig und eben auch ein bisschen indifferent, denn kaum jemand benennt die Werte, die für Amerika wichtig sind und deswegen wird auch keine Diskussion über diese geführt. Wir Europäer suhlen uns im Moment wieder im Eurozentrismus unserer Kultur und nehmen unsere kulturellen Bezugspunkte als natürlich hin, aber wer sagt, dass dies die einzig richtige Weltsicht ist und fehlerlos ist sie gewiss auch nicht. (Damit will ich nicht die Fehler der amerikanischen Politik beschönigen!)
Ein wenig pauschal finde ich deinen Kommentar aber doch, da du den Amerikanern zu ihrem Präsidenten gratulierst, aber als Germanistin bin ich manchmal etwas sprachzickig. Jetzt ist ja klar, wie du das meinst.
@Gudrun:
Meine Gratulation ist durchaus zynisch gemeint. Aber mit einem realistischen Hintergrund. Die meisten seriösen Pressestimmen sind sich einig, dass ein Präsident Kerry außenpolitisch nicht viel anders machen könnte als Bush in der zweiten Amtszeit. Aus dem Irak könnte auch Kerry nicht einfach verschwinden, und in den meisten anderen Fragen hätte sich wohl bestenfalls der Ton geändert.
Unter diesem Gesichtspunkt sind die Menschen, die von Bushs zweiter Amtszeit am meisten betroffen sind – und meiner Ansicht nach auch leiden werden – die Amerikaner selbst. Das mit dem „leiden“ ist natürlich subjektiv und vielleicht auch eurozentristisch – aber wie auch immer, die Wahl Bushs betrifft vor allem die Amerikaner, und damit mehrheitlich die, die ihn gewählt haben. Und deshalb wünsche ich ihnen, dass sie sehen werden,was sie davon haben – wenn ihnen das nicht gefällt, bitte, selber Schuld, dann lernen sie vielleicht daraus, und wenn ihnen das gefällt, bitte, soll es.
@Markus: Ich bin auch enttäuscht, aber ‚die‘ Amerikaner so abzustempeln halte ich nicht für richtig. Wir sollten nicht den Fehler begehen, den wir Amerika so oft vorwerfen: unsere eigenen Werte absolut setzen. Es ist an der Zeit genauer zu schauen, welche Werte wo eine Rolle spielen und dann darüber zu diskutieren. Bush hat gewonnen und ist eindeutig gewählt worden. Fuck, aber so ist es und wir können deswegen nicht eine ganze Nation ignorieren. Ich glaube immer noch, dass es für uns Europäer in Amerika viel zu entdecken gibt und dass es dort auch Werte gibt, von denen wir uns etwas abgucken sollten.
@Marc: Die Vorsitzende der deutsch-amerikanischen Handelskammer sagte allerdings auch, dass ein amerikanischer Präsident zu ‚Kriegszeiten‘ noch nie so wenig Zuwachs gehabt hätte und deutete dies als Ablehnung von Bush‘ Außenpolitik.